Der Traum eines österreichischen Reservisten

Aus historischen Belegen ist zu entnehmen, dass Ziehrer die umfangreiche, sauber gestochene Partitur wohl auf eigene Kosten drucken ließ, sie aber dann Gustav Lewy übereignete. Erst nach dem Ankauf durch Josef Weinberber 1897 erschien die Partitur mit den dazugehörigen Orchesterstimmen für Streichorchester. Anzumerken ist auch, dass der Titel der Orchesterausgaben aus dem Jahre 1929 in „Der Traum eines Reservisten“ verändert wurde. Wie unter op. 44 bereits angedeutet, genoß dieses „Tongemälde“ Jahrzehnte hindurch besondere Popularität, deren tiefere Gründe in dem jederzeit vohandenen Kitschbedürfnis der breiten Masse liegen. Deshalb sei auch aus einem zeitgenössischen Programm die Erklärung zu den musikalischen Vorgängen wiedergegeben.

Mit dem Motiv „Mondaufgang“ aus der Oper „Die lustigen Weiber von Windor“ von Otto Nicolai führt uns Ziehrer durch eine wechselvolle, Lust und Leid des Militärlebens widerspiegelnde Welt, in dem er eigens und verwandtes Melodiengut, Volks- und Soldatenlieder; Marsch- und Tanzmusik, Klänge des militärischen Alltags und Klänge soldatischer Weihe in dramatisierter Steigerung aneinandergereiht:

Inhaltsangabe:

“Feierabend in der Waldschenke…..Zigeuner ziehen vorbei…..dann heimkehrende Jäger…..auch die benachbarte Mühle beendet ihr Tagewerk…..die letzte Postkutsche fährt ein….von der Weide kommen die Kühe…..Abendläuten…..ein Hochzeitszug nähert sich dem Dorfe…..Tanz unter der Linde…..Gewitterregen…..alles eilt nach Hause.

Der Reservist im Kreise der Seinen…..das eben Erlebte weckt Erinnerungen an seine Militärzeit…..er begibt sich zu Bett und schläft ein…..ferne grollen noch….wie Kanonensalven…..vereinzelt Donnerschläge.

Der Traum:
Die Post bringt die Einberufung. Mit der Bahn geht´s zum Bestimmungsort. Erste Tagwache in der Kaserne…..

Ausmarsch
Gebet vor der Schlacht
Horn- und Trompetenschläge, Gefechtsszenen, Sturmangriff, Feuereinstellen, Vergatterung

Abmarsch ins Quartier
Ehrung der Gefallenen, Glockengeläute, Trauermarsch, Abblasen…..

Feldmesse….Parade…..Aufstellung zur Defilierung

Defilieren eines galizischen, steirischen, ungarischen, böhmischen Regimentes der „Hoch- und Deutschmeister“…..

Kavallerie, Artillerie…..am Abend nach der Parade in den Volksprater…..in einem Militärkonzert: Ziehrer- Walzer und Operklänge…..Zapfenstreich.

Langsam verblassen die Traumbilder…..der jüngste Sprössling meldet sich, der Morgen bricht an…..Vogelgezwitscher…..Wasserrauschen…..in der Schmiede beginnt wieder die Arbeit.“



Heute dränge sich musikalisch- stilistische Einwände auf, wenn Ziehrer den „Mondaufgang“, die Sturmmusik aus „Oberon“, das „Abendgebet“, „Athalia“- und „Lohengrin“-Zitate mit Klängen der „Schwarzwaldmühle“ Eilenbergs oder mit Sioly-Refrains in einem Rahmen spannt, möge dieser noch so programmbedingt sein. Die „Klänge des militärischen Alltags“ jedoch: Körners von Friedrich Heinrich Himmel komponiertes „Gebet vor der Schlacht“, Donizettis „Marcia funebre“ aus dem dritten Akt der Oper „Don Sebastian“, Haydns Volkshymne und das usuelle „Messlied“ wirkten weniger als Fremdkörper. Tonmalerisch ist Ziehrer jedenfalls die Parade gelungen: Aus verschiedenen Richtungen marschieren Regimenter heran, deren Musikkapellen mit ihren charakteristischen Folklore-Märschen rücksichtslos an unerwarteter Stelle unterbrechen.

Über die Entstehung dieses Tongemäldes erzählt Ziehrer 25 Jahre später:

„Mit Potpourris, die ich aus den berühmtesten Wienerliedern zusammengestellte, hatte ich so großen Erfolg, dass ich dieses Genre speziell für meine populären Konzerte pflegte. So entstand das „Wiener Lachkabinett“, und auf diese Weise kam mir auch die Idee zum „Traum des Reservisten“. Auch die textliche Grundlage zu den verschiedenen musikalischen Phasen des Tongemäldes habe ich selbst verfasst und dasselbe an einem Silvesterabend beim Stalehner mit meinen Deutschmeistern aufgeführt…..Wie in einer Kirche lauschte die Menge bei der Aufführung, brach aber bei den patriotischen Stellen umso mehr in frenetischen Jubel aus. Und nachdem ich geendet - ein brausender Applaus, wie ich in noch selten in meinem Leben gehört habe…..Oft und oft habe ich den „Traum des Reservisten“ dann noch gespielt, und er hat seinen Weg durch die ganze Welt gemacht. Die größte Ehrung wurde mir aber zuteil, als ich ihn einst - es war im Palais des Erzherzog Wilhelm - Sr. Majestät, unseren unvergesslichen Kronprinzen und den Mitgliedern unseres Herrscherhauses vorführen durfte.

Die huldvollen Worte unseres geliebten Kaisers, die er an mich richtete, werden mir ein Leben lang in Erinnerung bleiben.

Eine musikalische Regimentsgeschichte „Deutschmeisterlieder“ mit chronologischen Hinweisen und in ausgezeichneter Bearbeitung der verwendeten Lieder und Märsche komponierte Wilhelm Wacek, doch blieb ihm der Erfolg in gleichem Maße versagt, wie er dem „Reservistentraum“ bis auf den heutigen Tag, zumindest in der Legende treu blieb. Zur Erklärung dieses Phänomens: Ziehrer kommt dem den Kitsch als echtes Erlebnis genießenden Laien gebefreudig entgegen: Ein großes Orchester - symphonischer Klang - Vulgäres mit opernhaft Großem aufgeputzt. Das „Gute, Heilige, Patriotische“ der Klänge weckt die „Lust am Erinnern“, hermeneutische Allegorien, Symbole, metaphorische Reflexionen verbinden sich mit den gebotenen Naturlauten und akustischen Spielereien: Wasserrauschen, Vogelgezwitscher, klappernde Mühlen, Schmiedehämmer, Regimentsrufe, Schlachtgetümmel, Glockengeläute, Kindergeschrei usw. induzieren die Vision „Heimat“, und als deren berufener tapferer Verteidiger stellt sich das „erhabene Gefühl patriotischen Heldentums“ ein. Dazu die Erscheinung des bonhomialen Ziehrer, volkstümlich in seiner vulgären Schöpferkraft und als k.u.k. Hofballmusikdirektor zugleich souveräner Gebieter nicht nur über eine Schar disziplinierter Musiker in Unoform, sondern auch über ein nach Tausenden zu zählendes Publikum. Anton Kuh erinnert sich an die „weiland k.k. Militär-Doppel-Monsterkonzerte“ und an das „Paradestück des alten Ziehrer“, benannt: „Der Traum eines österreichischen Reservisten“. Darin war paukenkräftig und tschinellenfroh alle Klänge des österreichischen Militärdaseins, vom Zapfenstreich und „Zum Gebet!“ bis zu Kanonendonner, Pulverdampf und „Vater ich rufe Dich!“. Eine freundliche Verklärung des Soldatendienstes, so recht ein „Traum“.


Max Schönherr



Die Militärmusik Oberösterreich unter der Leitung von
Militärkapellmeister Obstlt. Mag. Franz BAUER

spielte das militärische Tongemälde von C. M. Zieher
auf CD ein.

Sie können die CD und andere Tonträger der Militärmusik Oberösterreich unter der Telefonnummer

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